Maschhad, 11.-13. September 2005Wenn man die Stadt Maschhad bei Nacht betritt, wundert man sich als Europaeer ueber mehrere Dinge: die Unmenge an hellerleuchteten Geschaeften, die sich beiderseits der grossen Strassen draengen, die grell flutende Neonreklame fuer allen moeglichen Kram, den selbst um Mitternacht nur zaeh fliessenden Verkehr mit dem obligatorischen Hupkonzert - und schliesslich die schwarze Einheitskleidung der Frauen. In keinem anderen Ort im Iran, den wir bisher gesehen haben, trugen die Frauen durch die Bank schwarze Tschadors, die nur das Gesicht weitgehend freilassen. Woanders tragen die Frauen teilweise locker sitzende Kopftuecher, die mehr der Dekoration als der Verhuellung dienen - dort jedoch nicht. Dies liegt offenbar daran, dass Maschhad eine heilige Stadt der Schiiten ist und die Kleidungsvorschriften dort strenger ausgelegt werden als anderswo. Entsprechend amuesant ist es, zuzuschauen, wenn viele Frauen sich durch die Strassen draengen, hier und dort Klamotten pruefen und laut schnatternd weiterziehen - bis auf den Schleier eine ganz normale Szene aus einer europaeischen Grossstadt, dieser allerdings gibt dem Ganzen eine skurrile Note.
Nachdem wir festgestellt hatten, dass es in Maschhad ausser dem Heiligtum des Imam Reza wenig zu sehen gab, besichtigen wir am zweiten Abend den heiligen Schrein - eine riesige Anlage mit einer Unzahl an festlich erleuchteten Innenhoefen, in denen sich die Pilger auf opulenten Gebetsteppichen draengten, die mit Handkarren durch die Gegend gefahren wurden. Obwohl die Architektur der Anlage mit ihrem gewollten Prunk mir fast kitschig vorkam, beeindruckten mich dennoch die ergriffenen Menschen, die die Tueren der einzelnen Hoefe kuessten und unter Vollzug diverser Rituale zum Schrein vordrangen. Weder Hanno noch ich gingen ins "Allerheiligste" hinein, da wir uns dort fehl am Platze vorgekommen waeren, aber die unglaublich emotionale Stimmung, die die Menschen verbreiteten, duerfte ein bleibenderer Eindruck sein als diese oder jene praechtig geschmueckte Grabkammer.
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Auf Einladung eines iranischen Turkmenen, den wir in Aschgabat kennengelernt hatten, besuchten wir anschließend Gonbad-e Kavous. Direkt am ersten Abend schauten wir uns die größte (und einzige) Sehenswürdigkeit der Stadt an - einen 55 Meter hohen, innen leeren Turm, dessen Dach kegelförmig zuläuft. Vor dem Eingang lümmelten ein paar mit Gras vollgestopfte Jugendliche herum und lallten irgendwelche orientalische Melodien in den Turm hinein - wovon wegen des imposanten Echos auch wir etwas mitbekamen. Am nächsten Morgen sprachen uns ein paar Halbstarke an (das kommt im Iran häufig vor, auch von Erwachsenen, und zwar einfach deshalb, weil Touristen eher Seltenheitswert besitzen) und fragten uns in gebrochenem Englisch, woher wir kämen, was wir machten, etc. Als wir den Turm erwähnten, brachen sie in einhelliges Gelächter aus und ließen mit eindeutigen Gesten erkennen, welche Spitznamen sie unter sich dem Wahrzeichen der Stadt gegeben hatten. Außerdem erteilte ich mit bekannter Pedanterie einer jungen Iranerin, die in Deutschland studieren wollte, Sprachunterricht - Reza, unser Gastgeber, der passables Deutsch spricht, hatte ihr die Anfangsgründe beigebracht, ich kümmerte mich dann darum, die typisch iranischen Eigenheiten in der Aussprache deutscher Wörter zu beseitigen...
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Nach einem unspektakulären Zwischenstopp in Sari erreichten wir mit Teheran unseren mehr oder weniger westlichsten Punkt der Reise. Über drei Ecken herum hatte ich aus Deutschland einen Kontakt gewonnen, der uns in Teheran behilflich sein sollte - aber uns natürlich zuerst für vier Tage in seine Wohnung in Karadsch, einer Vorstadt der 14-Millionen-Metropole, einlud. Allein das Gebäude sowie dessen ansonsten leere Privatgarage ließen Hanno und mir den Atem stocken, aber die üppig eingerichtete Wohnung setzte noch einmal einen drauf. Nach einem schmackhaften Mittagessen, das Samira, die Frau unseres Gastgebers Ali, zubereitete, folgte eine gesellige Unterhaltung sowie später am Abend ein Tennismatch zwischen Ali und Hanno, das letzterer mit 7:5 (nur ein Gewinnsatz) für sich entschied. Ali nahm es locker, wie es seine Art ist. Er ist übrigens ein 24 Jahre alter Geschäftsmann, der in der (Bau-)Firma seines Vaters arbeitet, drei Jahre in London studiert hat, und über einen pointierten Humor verfügt - so kündigte er uns mehrfach eine fürstliche Rechnung für Kost und Logis an und kam sogar auf die Idee, den Gebrauch der Toilette oder des Fernsehers zu besteuern! Seine entspannte, westlich geprägte Art hat es uns sehr erleichtert, erste Verkrampfungen zum Thema "zu Gast in einer iranischen Familie" abzulegen.
Wie dem auch sei, in den folgenden Tagen lernten wir Alis und Samiras Verwandtschaft kennen - allesamt den oberen Zehntausend Teherans zuzurechnen, dabei aber fast immer sehr umgänglich und höflich. Wir aßen Kebab in netten Lokalen, kauften einen weiteren (diesmal maschinell gefertigten) Teppich, den ich noch verschicken muß, und besichtigten eine familiengeführte Kaugummi-Fabrik, die einem Verwandten Alis gehörte. Dies war natürlich hochinteressant, vor allem weil Ali betonte, daß die Mitarbeiter sehr gut behandelt würden! In der Tat wirkten alle sehr freundlich, interessiert und keineswegs ausgelaugt; es bleibt zu hoffen, daß dies nicht nur gut gemachte Fassade war. Am Samstagabend schließlich schaltete ich bei Ali zu Hause das Bundesliga-Radio ein (via Internet) und verfolgte den 2:1-Derbysieg meines geliebten 1. FC Köln gegen den Lokalrivalen aus Gladbach. Damit war der Abend natürlich gerettet, Hanno "beschwerte" sich auch, daß es unmöglich sei, mit mir ein normales Gespräch zu führen... Am letzten Abend gingen wir mit Ali und seiner Familie zu einer Hochzeit im Verwandtenkreis. Nachdem im offiziellen Teil Männer und Frauen getrennt gesessen und gegessen hatten, fuhr danach der "engere Kreis", zu dem wir aus unerfindlichen Gründen ebenfalls gehörten, in eine schicke Apartmentanlage, wo im Keller weitergefeiert und getanzt wurde. In diesem hocheleganten Umfeld unterschieden sich die Frauen dann auch nicht mehr von ihren europäischen Kolleginnen: Nich nur, daß die Kopftücher beim Betreten des Privathauses abgelegt wurden, auch die Tücher selbst stellten bei vielen jüngeren Frauen eher die Andeutung einer islamischen Bekleidung als die echte Verhüllung des Haares dar. Überflüssig zu erwähnen, daß der Dschador überhaupt nicht zu sehen war. Und in Sachen Make-Up toppen die Iranerinnen sämtliche deutschen Society-Ladys.
Ach ja, wir haben nebenher auch etwas von der Stadt gesehen. Den Golestan-Palast, den Saadabat-Palast (die Residenz der Pahlevi-Schahs) und als Highlight das Nationale Juwelenmuseum. Selbst für einen Schmuck-Analphabeten wie mich war das hochfiligrane Geblitzer und Gefunkel absolut überwältigend. Juwelen in allen Farben, mit allen Arten von Edelsteinen und zum Teil in überwältigender Größe. Das Prunkstück war eine 60-70 Zentimeter große Erdkugel in einer goldenen Halterung, und mit verschiedenen Edelsteinen an der Stelle von Ländern, Meeren und Kontinenten.