Samstag, September 24, 2005

Das heilige Buch

Was dem Juden die Thora, dem Christen die Bibel und dem Muslim der Koran, ist dem Individualreisenden der Lonely-Planet-Reiseführer. Für diejenigen, die diese Reihe nicht kennen: es handelt sich um ein äußerst praktisches Buch, in dem so ziemlich alles drinsteht, was man braucht, von gemütlichen Hotels über leckere Restaurants bis zu Busfahrtzeiten und Tips beim Verhandeln mit Taxifahrern. Man könnte sogar sagen, er sei absolut unverzichtbar, da es auch keine vernünftigen Alternativen gibt und er durch die Rückmeldungen von Reisenden auch selten veraltet ist. Da sich der Reiseführer auch an Reisende mit schmalem Geldbeutel richtet und es davon viele gibt (gerade weil viele Leute lange reisen), hat das Buch Referenzcharakter. Überrascht bin ich allerdings, wie verbreitet das Buch auch in der iranischen Hotellerie ist, und hierzu kann ich folgende Geschichte, die gestern abend passiert ist, einflechten:

Wir waren aufs Hotelzimmer zurückgekommen und hatten uns zum Schlafen vorbereitet, als plötzlich und überraschend das Telefon klingelte. Es meldete sich ein passables Englisch sprechender Iraner (leicht gekürzt): "Hello, are you going to Yazd?"
"Yeeeeaaaahhhhh......???"
"Do you have accomodation on Yazd"
"Hmmmm..... not yet!?"
"I have a nice hotel in Yazd. If you like, I can give you my card and put it under the door of your room."
"Why not?"
So geschah es dann auch und kurz darauf lag eine nett gestaltete Visitenkarte mit einem handschriftlich eingetragenen Preis von 25 $ fürs Doppelzimmer in unserem Zimmer. Zu unserer Überraschung klingelte kurz darauf erneut das Telefon:
"Did you get my card?""Yes, we did."
"Fine. The hotel is "The Author`s choice" in your Lonely Planet and described on page 237. Normally, the room costs 45$ but I assumed that you are budget travellers because you stayed in this place (unser Hotel war wirklich nett und keinesfalls am unteren Ende der finanziellen Skala). So I give it to you for 25 $. Furthermore, the restaurant is the first of Lonely Planet`s Top 5 traditional restaurants in Iran, look on page 77."

Nachdem ich mich verabschiedet und aufgelegt hatte (in der Tat wurde das Hotel über den grünen Klee gelobt), kamen mir dunkle Gedanken, in denen das Wort "Mafia" eine herausragende Rolle spielte... Fairerweise muß man aber zugeben, daß wir mit den Lonely-Planet-Tips fast immer gut gefahren sind, und solange dies so bleibt, werden wir (und viele andere Reisende) der Mafia treu bleiben...

P.S. Zu den aktuell beliebten und tendenziell überlaufenen Reisezielen gehört Südostasien. In Kirgisien erzählte uns ein Mitreisender, daß man dort die Lonely-Planet-Tips bei den Unterkünten nicht zu ernst nehmen dürfte: "The places were good, but as soon as they were recommended by the LP, quality went down and prices went up, so it is often better to choose the places at the end of the LP list." Im Iran trifft man aber ebenso wenige Individualreisende wie in Zentralasien, nämlich eine sehr überschaubare Anzahl, so daß wir mit diesem Phänomen bisher nicht zu kämpfen hatten.