Montag, September 12, 2005

Legoland in der Karakum

Aschgabat, 8.-11. September im Jahr 14 der turkmenischen Zeitrechnung (d.i. ab der Machtergreifung von Turkmenbaschi)

Wie bereits aus der Beschreibung unseres Hotels und der unmittelbaren Umgebung hervorging, wird in Aschgabat geklotzt statt gekleckert. Die Erlöse der großen Erdöl- und Erdgasvorkommen werden vor allem dafür verwendet, daß Nijasow, der von allen geliebte und verehrte Turkmenbaschi (=Führer der Turkmenen), glänzendweiße Monumentalbauten sowie gewaltige Parks und Brunnen aus dem Boden stampft. Davon sind zwar etliche leerstehend, dafür aber häufig streng bewacht. Gipfelpunkt der Bautätigkeit ist der Neutralitätsbogen, der die turkmenische "Politik der Neutralität" verherrlicht und auf dessen Spitze eine große goldene, dem Sonnenlauf nachfolgende Figur von Turkmenbaschi steht. (Welch ein Geniestreich, nach Ende des kalten Krieges eine Politik der Neutralität auszurufen!)
Etwaige ökonomische Probleme werden daurch bekämpft, daß z.B. ein Brunnen, der mit einem Kopf von Turkmenbaschi geschmückt ist, von 20 Frauen gesäubert wird und somit jeder die Möglichkeit hat, seinen Dienst am turkmenischen Land und seinem glorreichen Führer abzuleisten.

Fuer uns war es unglaublich faszinierend, inmitten des ganzen leeren Pomps, der Aschgabats ausmacht, umherzuspazieren. Schlussendlich hatten wir das Wort vom "Legoland" gefunden - so unrealistisch und kuenstlich wirkten die marmorfarbenen Apartmenthaueser inmitten einer alles in allem armen Stadt sowie die begruenten Parks mit ihren riesigen Brunnen inmitten der Wueste, die unmittelbar hinter den letzten Hauesern der Stadt beginnt. Genau an dieser Grenzlinie lag auch unser Hotel, umgeben nur von seinen gleich prachtvollen - und gleich leeren - Nachbarn. Abends war kaum jemand auf der Strasse zu sehen.

Am 10. September fuhren wir zum Tolkutschka-Basar hinaus, wo ich nach zaehen und ermuedenden Verhandlungen letztlich einen Teppich erwarb. Dieser war allerdings - zumindest meiner Meinung nach - sehr schoen (ob er wertvoll ist, kann ich nicht beurteilen), so dass sich die Muehe gelohnt hat. Da es ein Samstag war und wir bereits am Folgetag das Land verlassen mussten (Transitvisum!), war nun aber Eile geboten. Zack, zack fuhren wir per Taxi zurueck in die Stadt, wo wir 10 Minuten vor Ultimo in der Zollstelle des Teppichmuseums eintrafen und ein paar nette alte Damen den Teppich vermassen (sorry, hier gibt es kein sz!) und eine Exportgenehmigung erteilten. Danach ging es weiter zur Post, wo ich zunaechst an die Flughafenpost verwiesen wurde, bis ich schliesslich, im Hinausgehen begriffen, doch noch herangewinkt wurde. Ich durfte eine Stunde warten (eine Turkmenin vor mir verschickte ihren halben Haushalt!), etliche Formulare ausfuellen (einige davon in fuenffacher Ausfertigung) , bevor mein Teppich in einen grossen Baumwollsack gesteckt (!) und dieser per Hand zusammengenaeht (!!) sowie mit Wachs versiegelt wurde (!!!). (Wie ich mittlerweile erfahren habe, ist der Teppich bereits heil in Deutschland angekommen - ein Hoch auf die turkmenische Post!).

Am letzten Abend entschlossen wir uns, die niedrigen Essenspreise und die Existenz einer Unzahl repraesentativer Gebaeude auszunutzen, um ueber den Daechern der Stadt zu dinieren. Auf der obersten Etage einer gewaltigen Pyramide (eigentlich ein Einkaufszentrum) fanden wir ein Restaurant, wo das Essen sehr solide, aber nicht ueberragend war, dafuer aber der Rundumblick auf das naechtliche Aschgabat hors catégorie war. Ausserdem gab es sehr respektable Livemusik - turkmenischer, russischer und auch etwas internationaler Pop. Ein gelungener Ausklang dreier Tage in einer erstaunlichen, einzigartigen Stadt!
Mashhad, den 12. September 2005 - Gonbad-e Kavous, 14. September 2005