Montag, Oktober 03, 2005

Ein letztes Mal zu Gast

...bei einer iranischen Familie waren wir in Kerman, einer Halbmillionenstadt im Südosten des Irans. Unseren Gastgeber, einen Englisch-Studenten, hatten wir in Maschhad kennengelernt, wo er uns prompt eingeladen hatte, ihn und seine Familie zu besuchen. Die Anreise von Schiras war unproblematisch, so daß wir nach einem Begrüßungstee sowie kurzem Ausruhen uns auf den Weg in die Stadt machten: Ali (unser Gastgeber) war mit seiner Freundin (jaja, das gibt es) verabredet, die wiederum von einem Schwarm iranischer Mädchen begleitet wurde. Da wir uns in der lokalen, leicht abgespeckten Version des Phantasialandes trafen, hatte dies weitreichende Folgen: Zuerst wurde ich gedrängt, mich beim Elfmeterschießen zu probieren, wo ich gegen einen mäßig motivierten Torwart kümmerliche drei Treffer (von sechs möglichen) erzielte. Danach stiegen wir in eine überdimensionierte Schiffsschaukel (mit Überschlag) ein. Normalerweise stehe ich diesen Höllenmaschinen skeptisch gegenüber, aber Hanno hatte mich davon überzeugt, daß man sich in dem Ding keinen Zentimeter bewegen und daher nichts passieren könne. Ärgerlicherweise ließ sich der Gurt, der den Oberkörper festhielt, aber nicht arretieren, so daß ich sicherheitshalber doch einmal den Anweisungen folgte und meine Füße unter der nächsten Reihe einklemmte. Es zeigte sich bald, daß dies eine weise Entscheidung war, denn das Metallgestell über bzw. unter uns wackelte bedenklich und war zur Seite hin mehr oder weniger offen - irgendwie entsprach das Ding nicht ganz deutschen Sicherheitsstandards. Während ich mit zunächst vor allem um meinen Paß in der Hosentasche Sorgen machte, hatten die Bediener der Maschine eine kleine Gemeinheit ausgeheckt: Mitten in der Bewegung stoppte das Ding plötzlich ab - selbstverständlich fast auf dem höchsten Punkt - und machte auch keine Anstalten, wieder herunterzukommen. Nach einigen sehr langen Sekunden, in denen ich mir über die Möglichkeiten der örtlichen Feuerwehr Gedanken machte, senkte die Schaukel sich dann aber doch ab, und sehr erleichtert betraten wir wieder festen Boden.

Am darauffolgenden Tag schauten wir uns Kerman an (eine etwas unterschätzte Stadt), bevor ich in einem "Cafénet" der 1:2-Auswärtsniederlage des FC folgen durfte. Am Sonntag machten wir eine Tour in das 100 km entfernte Rayen. Dort befindet sich eine große Zitadelle, die die legendäre, nunmehr durch das Erdbeben zerstörte Burg von Bam zwar nicht ersetzen kann, aber dennoch sehr schön ist. Nach einem kleinen Picknick fuhren wir weiter nach Mahan - eine selten grüne Stadt mitten in der Wüste und mit zwei herrlichen Gartenanlagen gesegnet, von denen eine das Grabmal eines bekannten Sufi-Mystikers beherbergt. Für mich war dies einer der bleibendsten Eindrücke der Reise, zumal man das Minarett des Mausoleums besteigen und die ganze Hochebene mit den umgebenden Bergen von dort überblicken konnte, und das ohne andere Touristen.

Bevor wir uns am Montag verabschiedeten, kochte Alis Mutter noch kesht bademjun (oder so ähnlich) für uns - das leckerste Essen, was mir bisher im Iran vorgesetzt wurde. Wieder einmal hat eine iranische Familie uns mit bescheidenen Mitteln große Freude bereitet...