Montag, August 29, 2005

Naechtliche Fahrt und Sonnenaufgang (frei nach Sibelius)

Der Kasachstan-Transit, 27./28. August

Am Abend des 27. August machten wir uns zum Bischkeker Busbahnhof auf. Unser Ziel war ein alter, ausrangierter französischer Reisebus, der uns nach Taschkent bringen sollte. Bereits beim Anblick der Fahrer - verwegen aussehender Gestalten - kamen uns Zweifel, ob wir nicht am falschen Ende gespart hätten, indem wir den Bus dem Flugzeug vorgezogen hatten. Als wir auf der gewohnt miserablen kirgisischen Straße der Grenze entgegentuckerten, verstärkte sich dieses Gefühl, und die geschätzte Fahrtzeit von 12 Stunden kam uns eher optimistisch vor. Uns fiel auf, daß dieser Streckenabschnitt dicht besiedelt war - überall entlang der Straße Häuser und Stände, was an großen Überlandstraßen nicht unbedingt die Regel ist. Kurz vor Mitternacht passierten wir die Grenze, was nicht nur absolut problemlos ablief, sondern uns in Gestalt einer ebenso attraktiven wie charmanten Grenzbeamtin sogar angenehm überraschte. Da der Bus länger brauchte, um die (übrigens gut frequentierte) Grenze zu überschreiten, quatschten wir noch etwas mit einer uigurischen Familie und kauften für unsere letzten Som leckeres kasachisches Blätterteiggebäck.

Zurück im Bus litten wir weiter unter den bereits zurückgefallenen und nicht mehr verstellbaren Sitzen, was gerade für mich (wegen der langen Beine) eine etwas enge Geschichte war. Vor uns saßen zudem zwei Stabiluschkas, kasachsiche Bauersfrauen mit Kopftuch, die jede mindestens einen Doppelzentner auf die Waage brachten. Sie wurden nur von meiner gleich gekleideten Nachbarin auf der anderen Seite des Ganges übertroffen, die jedem Superschwergewichtler Konkurrenz gemacht hätte. Der junge Mann, der neben ihr saß, konnte einem leidtun.

Nach längerer Fahrt durch menschenleere Steppe hielten wir an einer überraschend belebten Raststätte (ein paar Cafés und Geschäfte), aus der selbst um halb drei noch aufdringliche Musik donnerte. Danach probierten wir weiter, trotz leicht unnatürlicher Lagen Schlaf zu finden, was uns letztlich auch mehr oder weniger gelang. Schließlich weckte uns ein grandioser Sonnenaufgang über einer ebenso gelbfarbenen, trockenen Landschaft, bevor wir zwei Stunden später die Grenze erreichten - wo unser Bus endete. Kaum waren wir ausgestiegen, umdrängten uns Scharen von fliegenden Händlern, die unser Gepäck transportieren und uns usbekische Sum aufdrängen wollten. Hierzu muß man wissen, daß die usbekische Notenbank eine Politik verfolgt, die nicht nur eine saftige Inflation nach sich gezogen hat, sondern auch dazu geführt hat, daß die höchste usbekische Note (1000 Sum) einen Gegenwert von etwa 70 Cent hat. Da es auf usbekischer Seite keine Wechselmöglichkeiten geben sollte, waren wir also gezwungen, uns für einen kleinen Betrag (10 USD) mit diesen Gaunern einzulassen - und natürlich fehlten in unserem dicken 200-Sum-Stapel einige Geldscheine. Nach dem - erneut problemlosen - Grenzübertritt (offenbar werden Westeuropäer an der Grenze bevorzugt behandelt) umschwirrte uns dann die Taximafia, der wir nur durch einen einkilometrigen Fußmarsch entrinnen konnten. Nach dem nahegelegenen Taschkent nahmen wir schließlich einen Minibus und riefen Rustams Schwiegervater an, mit dem wir uns bald darauf trafen und dessen reizende Frau uns ein reichliches Frühstück servierte.

Damit aber nicht genug: Kaum hatten wir uns eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt, lud unser Gastgeber uns ein, mit ihm zu einem muslimischen Fest mitzukommen - was ich aber, da ich dvenadtsat´ chjasov (12 Uhr) und dvadtsat´ chjasov (20 Uhr) verwechselt hatte, erst am Abend erwartet hatte.

Eine redaktionelle Mitteilung zum Schluß: Hanno schreibt seine Berichte nach wie vor unter http://zentralasiate.blogspot.com